Volldampf am Himmel

Volldampf am Himmel

Alte und neue Heißluftballon-Sonderfom „Warsteiner Orient-Express“ bei 20. Warsteiner Internationaler Montgolfiade

Neun Personen, vier Computer, 200 Kilogramm Ballonseide und vier Kilometer Garn für gigantische Dampflok

Von Monika Nolte

Warstein – Die Zugpfeife ertönt: Zurücktreten an der Bahnsteigkante, der orient-Express fährt ab! Sicher ist, das die abenteuerliche Reise der gigantischen Dampflok in Warstein beginnt. Die Destination aber bestimmt allein der Wind. Für die Mitreisenden der spektakulären Heißluftballon.Sonderform ist ohnehin der Weg das Ziel – wie einst für die Mitreisenden des historischen Vorbildes.

19 Meter hoch, 35 Meter breit und 10 Meter tief – der „Warsteiner Orient-Express“ ist die größte Balloon.Sonderfom Deutschlands und ein gleichermaßen faszinierendes wie außergewöhnliches Fotomotiv. Der Ballonriese ist der Hingucker bei jedem Ballonfestival. „Dem Bann kann sich niemand entziehen“, weiß sein Pilot Thomas Siebel aus Freudenberg im Siegerland. „Jeder schaut hin, winkt und jubelt uns zu“, berichtet der 45-Jährige, der seit sechs Jahren der Dampflok mächtig einheizt. Dass der selbstständige Maschinenbauer als Kind eigentlich Lokomotivführer werden wollte, ist aber wohl nur ein Gerücht.

Bei der Warsteiner Internalen Montgolfiade (WIM) vom 3. bis 12. September werden sich die Zuschauer erstaunt die Augen reiben, wenn am Mittwoch, 8. September, – vorausgesetzt der Wettergott ist gut gestimmt . gleich zwei dieser riesigen Himmelstürmer zu staunen sind. Nach 14-jähriger Betriebszeit und rund 400 Fahrten ist der Orient-Express etwas altersschwach, seine Hülle im Laufe der Jahre porös geworden. „Sie erfüllt nicht mehr die luftfahrttechnischen Voraussetzungen“, erläutert Hermann Löser, gemeinsam mit Uwe Wendt Geschäftsführer der WM, „und wird in Warstein zum letzten Mal in die Luft gehen.“ Aber: „ So ein besonderes Exemplar konnte nicht einfach vom Ballonhimmel verschwinden. Da hat sich die Warsteiner Brauerei entschlossen, einen Nachfolger bauen zu lassen.“

Und so machten sich die Experten der Firma Cameron Balloons im südenglischen Bistol, aus deren Nähstube auch schon das erste Exemplar stammt, im Frühjahr dieses Jahres an die konkrete Planung für einen baugleichen Bruder der Lok. Neun Personen, vier Computer, 300 Kilogramm Balloonseide und vier Kilometer Nähgarn bedurfte es, um in zweimonatiger Nähzeit diesen einmaligen Heißluftriesen zu erstellen. Mit zahlreichen Kammern ausgestattet fast die Hülle knapp 3700 Kubikmeter Luft. „ Es ist immer ein sehr diffiziles Problem, die exakte Luftverteilung zu erreichen“, erklärt Firmenchef Don Carmeron. „Einige Kammerin mpssen mit kalter Luft gefüllt sein, um den richtigen Druck und eine gute Stabilität zu erhalten.“ Die neue Hülle sei zwar baugleich, aber nach neusten Standard gebaut.

Einzige Änderung: Schaute beim ersten Exemplar noch die Schweizer Pilotin Marlies Nägli aus dem Führerhaus, ziert die neues Sonderfom das Konterfei des Freundenbergers. Und auch eine neue deutsche Ballonkennung wird die Lok erhalten – aus G-LOKO wird D-OLOK.

Derzeit befindet sich das 300-Kilo-Ungetüm in Braunschweig beim Luftfahrtbundesamt zur Erteilung der Zulassung. Seine Ankunft in Warstein dürfte damit eine Punktlandung werden. Darin allerdings ist die Balloncrew geübt, steckt doch das Auffinden einer passenden Landemöglichkeit eine der größten Herausforderungen beim Führen eines solchen extrem windanfälligen Heißluftreisen dar. „ Das Aufrüsten aber dauert nur unwesentlich länger als bei einer normalen Ballonform“, weiß Siebel.

Überall in der Welt waren Pilot Siebel und seine Sonderform in den vergangen sechs Jahren stets gern gesehene Gäste, bekamen Einlandungen aus Holland, Luxemburg, Italien Schweiz, Österreich, Türkei, Mongolei, China, Kenia oder Deutschland. und natürlich aus den USA. Seit 14 Jahren reisen Siebel und seine Crew alljährlich zum größten Ballonfestival der Welt nach Alburquerque. New Mexiko, dem Mekka für Ballonsportfans. „Aber das Highlight für mich ist jedes Jahr die Warsteiner Montgiolfiade“, freut sich der Pilot darauf, heimatnah in den Ballonhimmel zu starten.

Doch bevor Siebel am Mittwoch in den Korb der neuen Dampflok steigt und dann zwei außergewöhnlich schöne, schwarze Ballonriesen in den hoffentlich blauen Warsteiner Abendhimmel entschweben, steht natürlich die Ballontaufe auf dem Programm. Dafür werden sich die Organisatoren des größten jährlich stattfinden Ballonfestivals in Europa wieder etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Ebenso wie für die „Farewell-Party“ der ausgedienten Dampflok. „Sie wird am Samstag 11. September, gebührend verabschiedet“, verspricht Löser. Und weil sie ein solches Schmuckstück ist, kommt sie nicht aufs Abstellgleis, sondern wird einen repräsentativen Platz in einem großen Hangar zur Dauerausstellung erhalten.

Bis dahin allerdings soll der schwarze Gigant in Warstein noch einmal für strahlende Gesichter und Gänsehautfeeling sorgen, wenn er mit mehr als 200 weiteren Ballonen von Pilotenteams aus 13 Nationen ein farbenprächtiges Ballonspektakel am Himmel bietet. Denn darin sind sich Pilot Siebel, WIM-Geschäftsführer Löser und auch Hersteller Cameron einig: „Der Orient-Express ist einer der schönsten Ballons der Welt…“

Veröffentlicht:
Soester Anzeiger 04.09.2010

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